Paramore: Die “Biggest Non-Christian Christian Band” – eine Christen-Band, die keine sein will.

Dass sich der SPIEGEL als Gralshüter des Qualitätsjournalismus versteht, ist unlängst bekannt. Doch der Ableger KulturSPIEGEL veröffentlichte in der Ausgabe 12/2009 einen Artikel, der diesem Ruf nicht gerade entspricht/ nicht gerade von höchster Qualität zeugt. Unter dem Titel “Die jungen Unwilden” stellte Autor Christoph Dallach eine scheinbar christliche Band vor, die keine sein will. Und verwundert mit einem seltsamen Schubladendenken:
Christen-Rock war in den USA erfolgreich, aber trotzdem für viele ein Witz. Bis Paramore kam. Wer berühmt sein will, braucht Schlagzeilen, und wer Schlagzeilen will, der braucht Skandale. (…) Aber eigentlich sind die Klatschpressedramen auch langweilig (…).
Da ist es eine Schlagzeile wert, dass es keine Schlagzeilen gibt über Paramore. Die fünf Amerikaner rauchen und trinken nicht. Es wird auch nicht randaliert, geflucht, zertrümmert oder gekokst, und das, obwohl sie ausgerechnet Pop-Punkrock spielen.
Was für eine Aussage, „obwohl sie ausgerechnet Pop-Punkrock spielen“. Das würde im Umkehrschluss heißen, dass alle Pop-Punkrocker mit Moral nicht viel am Hut haben und koksen, randalieren, trinken. Ein seltsames Schubladendenken.
Diese jungen Unwilden sind sogar – kein Witz – bibeltreue, gottesfürchtige Christen. Bereits im Booklet ihres neuen Albums “Brand New Eyes” steckt der liebe Gott im Kleingedruckten. Da dankt die Band ihrem “Erretter”, “Jesus Christus” und dem “Himmlischen Vater”. Die Sängerin Hayley Williams, 20, zitiert gar die Heilige Schrift: “Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2. Korinther 12,10).”
Schön, dass sie Gott danken – schließlich gab er ihnen ihr Talent, womit sie nun berühmt sind und viel Geld verdienen. Allerdings ist das in den USA nichts Besonderes. Da dankt wirklich jeder zweite Musiker Gott. Selbst die, die sich Atheisten nennen. Viele Bands sagen das daher nur, um ihren Fankreis zu erweitern. In den USA funktioniert das nämlich bestens, was einst auch Evanescence eindrucksvoll zeigte. Traurig aber wahr.
Wenn man das berücksichtigt, ist dieses Booklet somit kein besonders tragfähiges Argument, Paramore als Christenrock anzusehen. In ihren Liedtexten erwähnen sie kein einziges Mal Gott oder andere fromme Inhalte, ihr erster großer Erfolg war Misery Business. Das Lied handelt von einem Mädchen, das einem anderen Mädchen den Freund ausspannt und das auch noch toll findet und stolz darauf ist. Wie christlich.
Eine Zeile daraus: “Once a whore you’re nothing more, I’m sorry, that’ll never change.” – Dass Paramore nicht fluchen stimmt so nicht, denn in Amerika wird in diesem Lied so einiges „ausgebeept“. Ich möchte nicht den gesamten Songtext auseinandernehmen, doch ich glaube diese eine Zeile zeigt sehr gut, wie der Rest dieses Liedes aussieht.
Fest steht, dass Williams in diesem Jahr ganz weltlich vom “New Musical Express” zum “Sexiest Female” gekürt wurde. Trotz oder gerade weil sie allen Sexy-Showbizz-Klischees so gar nicht entspricht. Bevorzugt trägt sie “alles, was bequem ist und bei mir so rumliegt”, was meist auf alte Jeans und Kapuzensweatshirts hinausläuft. Halb entblättert in Hochglanzmagazinen wird man sie nie sehen. Im schlimmsten Fall gäbe es eine Schlagzeile über Williams. Und wer von Paramore will schon Schlagzeilen?
New Musical Express schreibt über sie, New York Times schreibt über sie, KulturSPIEGEL schreibt über sie – das Konzept scheint aufzugehen: Könnte es nicht sein, dass Schlagzeilen genau das ist, was sie wollen? Welche Band wünscht sich nicht, größer und berühmter zu sein? So ziemlich jede Band wurde mit dem Gedanken gegründet, nicht für immer im Keller Musik zu spielen.
Eines wird deutlich: Mit seinem Artikel widerspricht sich verdeutlicht der Autor, dass es eben keine Skandale braucht, um Schlagzeilen zu bekommen. Eigentlich eine positive Aussage.
Auch pro-Blog resümierte über den Artikel im KulturSPIEGEL:
Das wirklich Besondere an der Geschichte ist vielleicht, dass auf “Spiegel online” eine Kritik über eine christliche Band steht, die komplett ohne Sarkasmus und Stereotypen auskommt, sondern die geradezu ein wenig Begeisterung durchscheinen lässt.
Das wirklich Besondere an der Geschichte ist viel eher, dass der KulturSPIEGEL eine Kritik über eine christliche Band veröffentlicht, die vielleicht gar keine christliche Band ist. Das würde auch erklären, wieso der SPIEGEL in diesem Fall ohne Sarkasmus und Stereotypen auskommt.







ohne die jetzt irgendwie zu kennen, aber der Ausdruck ‘Pop-Punkrock’ widerspricht sich schon in sich, irgendwie.
oder?
Auf den ersten Blick sicher ja. Was sie damit meinen ist vielleicht der weichgespülte Punkrock, der dann sogar im (Pop-/Mainstream-)Radio gespielt werden kann. Denn dieser Punkrock bezeichne ich auch nicht mehr als Punkrock, “nur” Pop ist es allerdings auch nicht.
was haben die alle gegen christen ??? ich mag paramore ( ich bin sogar ein fan)
und ich glaub dass sie christlich sind da sie in ihren profilen bei paramore.net schreiben: I love jesus oder bei der frage was ist das letzte buch dass du gelesen hast : Bible usw. ich glaub dass sie christlich sind aber keine chrisliche oder lobpreismusik machen.
Guter Artikel – hat mir gefallen.
Schreib ruhig mehr sowas: Sprich Artikel über Artikel in Zeitungen. Lob ruhig was gut geschrieben wurde und nimm ruhig mal sachlich auseinander was mal wieder schlechter Journalismus war!
Ja, das planen wir generell mehr auf JUICEDblog zu forcieren, da es in letzter Zeit zu kurz kam. Ein weiteres aktuelles Beispiel findest du übrigens hier: http://juiced.de/blog/der-spie.....gle-weiss/
Und manchmal muss man zu dem Gedruckten gar nichts mehr hinzufügen, da sprechen die Artikel schon für sich (oder auch nicht), wie hier:
http://juiced.de/blog/medien-f.....hose-pink/ :)
geile mucke. paramore rockt was dass zeug hält. danke für den tipp!