Sonntag, 21. Mrz 2010

Paramore: Die jungen Unwilden - Christenrock aus den USA?

23. Januar 2010 von Natalie  
Kategorien: +Featured, Journalismus

Para­more: Die „Big­gest Non-Christian Chris­tian Band“ - eine Christen-Band, die keine sein will.


Dass sich der SPIEGEL als Grals­hü­ter des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ver­steht, ist unlängst bekannt. Doch der Able­ger Kul­tur­SPIE­GEL ver­öf­fent­lichte in der Aus­gabe 12/2009 einen Arti­kel, der die­sem Ruf nicht gerade entspricht/ nicht gerade von höchs­ter Qua­li­tät zeugt. Unter dem Titel „Die jun­gen Unwil­den“ stellte Autor Chris­toph Dal­lach eine schein­bar christ­li­che Band vor, die keine sein will. Und ver­wun­dert mit einem selt­sa­men Schub­la­den­den­ken:

Christen-Rock war in den USA erfolg­reich, aber trotz­dem für viele ein Witz. Bis Para­more kam. Wer berühmt sein will, braucht Schlag­zei­len, und wer Schlag­zei­len will, der braucht Skan­dale. (…) Aber eigent­lich sind die Klatsch­pres­se­dra­men auch langweilig (…).

Da ist es eine Schlag­zeile wert, dass es keine Schlag­zei­len gibt über Para­more. Die fünf Ame­ri­ka­ner rau­chen und trin­ken nicht. Es wird auch nicht ran­da­liert, geflucht, zer­trüm­mert oder gekokst, und das, obwohl sie aus­ge­rech­net Pop-Punkrock spielen.

Was für eine Aus­sage, „obwohl sie aus­ge­rech­net Pop-Punkrock spie­len“. Das würde im Umkehr­schluss hei­ßen, dass alle Pop-Punkrocker mit Moral nicht viel am Hut haben und kok­sen, ran­da­lie­ren, trin­ken. Ein selt­sa­mes Schubladendenken.

Diese jun­gen Unwil­den sind sogar - kein Witz - bibel­treue, got­tes­fürch­tige Chris­ten. Bereits im Book­let ihres neuen Albums „Brand New Eyes“ steckt der liebe Gott im Klein­ge­druck­ten. Da dankt die Band ihrem „Erret­ter“, „Jesus Chris­tus“ und dem „Himm­li­schen Vater“. Die Sän­ge­rin Hay­ley Wil­liams, 20, zitiert gar die Hei­lige Schrift: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark (2. Korin­ther 12,10).“

Schön, dass sie Gott dan­ken - schließ­lich gab er ihnen ihr Talent, womit sie nun berühmt sind und viel Geld ver­die­nen. Aller­dings ist das in den USA nichts Beson­de­res. Da dankt wirk­lich jeder zweite Musi­ker Gott. Selbst die, die sich Athe­is­ten nen­nen. Viele Bands sagen das daher nur, um ihren Fankreis zu erwei­tern. In den USA funk­tio­niert das näm­lich bes­tens, was einst auch Eva­ne­scence ein­drucks­voll zeigte. Trau­rig aber wahr.

Wenn man das berück­sich­tigt, ist die­ses Book­let somit kein beson­ders trag­fä­hi­ges Argu­ment, Para­more als Chris­ten­rock anzu­se­hen. In ihren Lied­tex­ten erwäh­nen sie kein ein­zi­ges Mal Gott oder andere fromme Inhalte, ihr ers­ter gro­ßer Erfolg war Misery Busi­ness. Das Lied han­delt von einem Mäd­chen, das einem ande­ren Mäd­chen den Freund aus­spannt und das auch noch toll fin­det und stolz dar­auf ist. Wie christlich.

Eine Zeile dar­aus: „Once a whore you’re not­hing more, I’m sorry, that’ll never change.“ – Dass Para­more nicht flu­chen stimmt so nicht, denn in Ame­rika wird in die­sem Lied so eini­ges „aus­ge­beept“. Ich möchte nicht den gesam­ten Song­text aus­ein­an­der­neh­men, doch ich glaube diese eine Zeile zeigt sehr gut, wie der Rest die­ses Lie­des aussieht.

Fest steht, dass Wil­liams in die­sem Jahr ganz welt­lich vom „New Musi­cal Express“ zum „Sexiest Female“ gekürt wurde. Trotz oder gerade weil sie allen Sexy-Showbizz-Klischees so gar nicht ent­spricht. Bevor­zugt trägt sie „alles, was bequem ist und bei mir so rum­liegt“, was meist auf alte Jeans und Kapu­zens­weat­shirts hin­aus­läuft. Halb ent­blät­tert in Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen wird man sie nie sehen. Im schlimms­ten Fall gäbe es eine Schlag­zeile über Wil­liams. Und wer von Para­more will schon Schlagzeilen?

New Musi­cal Express schreibt über sie, New York Times schreibt über sie, Kul­tur­SPIE­GEL schreibt über sie – das Kon­zept scheint auf­zu­ge­hen: Könnte es nicht sein, dass Schlag­zei­len genau das ist, was sie wol­len? Wel­che Band wünscht sich nicht, grö­ßer und berühm­ter zu sein? So ziem­lich jede Band wurde mit dem Gedan­ken gegrün­det, nicht für immer im Kel­ler Musik zu spielen.

Eines wird deut­lich: Mit sei­nem Arti­kel wider­spricht sich ver­deut­licht der Autor, dass es eben keine Skan­dale braucht, um Schlag­zei­len zu bekom­men. Eigent­lich eine posi­tive Aussage.

Auch pro-Blog resü­mierte über den Arti­kel im KulturSPIEGEL:

Das wirk­lich Beson­dere an der Geschichte ist viel­leicht, dass auf “Spie­gel online” eine Kri­tik über eine christ­li­che Band steht, die kom­plett ohne Sar­kas­mus und Ste­reo­ty­pen aus­kommt, son­dern die gera­dezu ein wenig Begeis­te­rung durch­schei­nen lässt.

Das wirk­lich Beson­dere an der Geschichte ist viel eher, dass der Kul­tur­SPIE­GEL eine Kri­tik über eine christ­li­che Band ver­öf­fent­licht, die viel­leicht gar keine christ­li­che Band ist. Das würde auch erklä­ren, wieso der SPIEGEL in die­sem Fall ohne Sar­kas­mus und Ste­reo­ty­pen auskommt.

O tem­pora, o mores.

Ähn­li­che Artikel:

Dieser Artikel ist von: Natalie

Alle Artikel der JUICEDblog-Redakteurin anzeigen: Natalie

Kommentare

5 Antworten zu “Paramore: Die jungen Unwilden - Christenrock aus den USA?”
  1. ohne die jetzt irgend­wie zu ken­nen, aber der Aus­druck ‚Pop-Punkrock‘ wider­spricht sich schon in sich, irgend­wie.
    oder?

  2. JUICEDaniel sagt:

    Auf den ers­ten Blick sicher ja. Was sie damit mei­nen ist viel­leicht der weich­ge­spülte Punk­rock, der dann sogar im (Pop-/Mainstream-)Radio gespielt wer­den kann. Denn die­ser Punk­rock bezeichne ich auch nicht mehr als Punk­rock, „nur“ Pop ist es aller­dings auch nicht.

  3. wr sagt:

    was haben die alle gegen chris­ten ??? ich mag para­more ( ich bin sogar ein fan)
    und ich glaub dass sie christ­lich sind da sie in ihren pro­fi­len bei paramore.net schrei­ben: I love jesus oder bei der frage was ist das letzte buch dass du gele­sen hast : Bible usw. ich glaub dass sie christ­lich sind aber keine chris­li­che oder lob­preis­mu­sik machen.

  4. Dick sagt:

    Guter Arti­kel - hat mir gefallen.

    Schreib ruhig mehr sowas: Sprich Arti­kel über Arti­kel in Zei­tun­gen. Lob ruhig was gut geschrie­ben wurde und nimm ruhig mal sach­lich aus­ein­an­der was mal wie­der schlech­ter Jour­na­lis­mus war!

  5. JUICEDaniel sagt:

    Ja, das pla­nen wir gene­rell mehr auf JUICED­blog zu for­cie­ren, da es in letz­ter Zeit zu kurz kam. Ein wei­te­res aktu­el­les Bei­spiel fin­dest du übri­gens hier: http://juiced.de/blog/der-spie.….gle-weiss/

    Und manch­mal muss man zu dem Gedruck­ten gar nichts mehr hin­zu­fü­gen, da spre­chen die Arti­kel schon für sich (oder auch nicht), wie hier:
    http://juiced.de/blog/medien-f.….hose-pink/ :)

Gib deinen Senf dazu!

Copyright © 2008-2010 Juiced.de · All Rights Reserved