Opera Unite zu spät: ein guter Flop?!
16. Juni 2009 von JUICEDaniel
Kategorien: +Featured, Opera
Oder: Wieso Opera die web 2.0-Phase leider verschlafen hat.
Heute hat Opera großspurig Opera Unite vorgestellt. “Wir werden das Web neu erfinden.” Von wegen. Mittlerweile ist auf Operas Freedom-Seite nur noch, deutlich kleinlauterer, zu lesen: “Today, we unveiled Opera Unite: A new technology that shakes up the old client-server computing model of the Web.”, was auf Deutsch so viel heißt wie “Heute enthüllten wir Opera Unite: Eine neue Technologie die das alte Client-Server-Modell des Internets drastisch verändert”. Damit können die meisten Internetnutzer sicher herzlich wenig anfangen.
Die Neuerfindung des Webs war also nur ein PR-Gag (war zu erwarten), der zugegeben recht gut funktionierte – Massen von Besuchern bevölkern Opera Unite und richten es sich dort gemütlich ein – und zwingen die Server in die Knie, ärgerlich. Opera Unite ist nämlich eine Art “In-den-Browser-integriertes Facebook mit weiteren Funktionen, Diensten und Modulen”. Ein sehr gutes und weiterentwickeltes Facebook (in manchen Bereichen). Aber es kann noch so gut sein und ist doch von vorne herein zum scheitern verurteilt. Zumindest, was den quantitativen Erfolg anbelangt. Das ist schade, bringt Opera Unite doch tatsächlich das Zeug dazu mit, ein großer Hit zu werden. [Achtung: Wer nicht viel Zeit hat, bitte der Fairness halber den untersten Abschnitt ab der letzten Zwischenüberschrift lesen!]
My Opera: Eine vollständiges Social Network
Ein eigenes Blog, Fotos hochladen, Favoriten abspeichern (online, wohlbemerkt!), und Dateien verwalten – all das und noch viel mehr bietet My Opera seinen Mitgliedern an. Die Anmeldung ist kostenlos, dauern nur eine Minute und funktioniert ähnlich, wie man es von Facebook und Co. kennt. Die Grenzen zwischen My Opera und Opera Unite sind ziemlich schwammig, beides ergänzt sich sehr: “Ein wichtiger Bestandteil von Opera Unite ist die soziale Komponente. Mit Freunden, Bekannten und Kollegen schließt man sich zu kleineren Netzwerken zusammen, um Fotos und Musik auszutauschen sowie Verabredungen zu treffen”, schreibt WinFuture.
Ein Schwachpunkt, der mir spontan auffiel: Zum einen weiß ich nicht auf Anhieb, wo ich meine Freunde hinzufügen kann (und nach zwei Minuten suchen habe ich es immer noch nicht gefunden!) und zum anderen gibt es viel zu viele Seiten, die mir irgendetwas erklären, zeigen oder ermöglichen sollen – und dabei möglichst viel helfen wollen.
Doch das ganze wirkt ein wenig unübersichtlich, verzettelt. Viele Links, viele Seiten, und andere Anordnungen fordern erst einmal eine gewisse Eingewöhnungsphase. Ich selbst habe nichts dagegen, solange das Angebot stimmt – das Problem: viele Internetnutzer haben jedoch gerade damit ein Problem. Ist man an StudiVZ oder neuerdings auch Facebook erst einmal gewöhnt, fällt einem das Umgewöhnen schwer. Das ist gar nicht mal ein Vorwurf, sondern typisch Mensch.
Freunde sind in Facebook, MySpace, StudiVZ und anderen Social Networks
Der Hauptgrund aber, wieso Opera Unite leider nicht der erhoffte Erfolg – oder gar eine Neuerfindung des Webs – werden könnte, sind sicher die fehlenden Freunde. Wer will schon in einer Social Community sein, in der er “nur” 10 Freunde in seiner Liste hat? Und ich rede hier nicht von speziellen Networks wie Flickr oder Last.fm, die sich beispielsweise nur auf Fotos (neuerdings auch Videos) und Musik beschränken, sondern Communities, deren Zielgruppe alle Menschen ungeachtet ihrer Interessen sind.
Gut, wenn Opera Unite wirklich so toll ist, werden sich sicher einige bei Operas neuester Erfindung anmelden, könnte man meinen. Doch auch hier gibt es große Herausforderungen: der Browser. Etwa zwei Prozent der Internetnutzer surfen mit Opera – deutlich zu wenig, um eine große Community zu sein. Dank Google Chrome ist die Tendenz sogar eher sinkend als steigend (Google Chrome hat bereits fast doppelt so viel Marktanteil wie Opera, trotz der kurzen Lebensdauer). Und Opera Unite ergibt im Prinzip nur dann wirklich Sinn, wenn man auch den dazu passenden Webbrowser Opera benutzt (trotzdem funktioniert Opera Unite auch mit anderen Webbrowsern wie Firefox und Internet Explorer). (Sicher auch aus diesem Grund versucht Google mit dessen Browser Chrome, alle Googleseiten speziell für ihren eigenen Browser zu optimieren und umgekehrt. YouTube lädt deutlich schneller und mit Google Wave steht eine wirkliche Online-Revolution vor der Tür, die garantiert mit Google Chrome am besten und schnellsten funktionieren wird, verständlicherweise.)
Oder irre ich mich etwa?
Vielleicht, ja vielleicht, irre ich mich auch und alles, was ich sage, ist falsch. Vielleicht gelingt Opera nach vielen Jahren der Drittklassigkeit, was den Browseranteil auf dem Desktop-PC-Markt anbelangt, mit Opera Unite tatsächlich der große Durchbruch. Aber ihr merkt schon: Ich bezweifle es und ihr sicher auch. Ja, wenn man so denkt, kann es auch nichts werden… ähhm ja. (Sagen wir es mal so: Ich werde Opera Unite sicher mal ausprobieren und bei einem erkennbaren Mehrwert auch dauerhaft benutzen. Ich selbst werde meinen Beitrag dazu leisten, dass ich nicht recht habe und Opera entgegen den Erwartungen ein Erfolg wird. Oder zumindest werde ich Opera Unite tatsächlich die Chance geben, sich zu beweisen. Also wenn, dann kann man nur den kritisierenden Leuten etwas vorwerfen, die nur reden und nichts tun!)
Es kommt auch darauf an, wie gut die Funktionen in Zukunft funktionieren werden und welche neue Module noch hinzu kommen werden. Ein eigenes Blog brauche ich nicht (habe ich schon), einen Foto-Upload auch nicht (habe ich schon) und eine Freundesliste auch nicht (habe ich schon). Wer all das noch nicht hat, findet bei Opera Unite sicher eine tolle Lösung, da alles in einem angeboten wird. Wäre da nicht besagtes Problem mit den Freunden, der fehlenden Community. Zwar gibt Opera auf der Unite-Startseite an, bereits 2.480.935 Mitglieder zu haben. Aber da sind mit Sicherheit auch alle Opera Link- und My Opera*-Mitglieder dabei – inklusiver aller inaktiven Accounts. (*das Community-Angebot gab es auch schon vorher in großen Teilen)
Opera Unite ist mehr als nur ein Social Network
Unter dem Stichwort “Cloud Computing” (Datenwolke) kündigte Opera heute seine neueste Technologie an. Mit Opera Unite soll der Nutzern zunächst einmal mehrere Webdienste zur Verfügung gestellt bekommen, die in Zukunft durch (größtenteils externe) Module erweitert werden können. Auch das kennen wir von Facebook, das für Entwickler API-Schnittstellen geöffnet hat, um den Mitgliedern beispielsweise Geburtstagskalender, Quiz und Landkarte mit bereits besuchten Orten anbieten zu können. Da Opera derzeit keine allzu große Fangemeinde hat, dürfte sich auch hier das Angebot beschränken. Zum einen, weil es wenig an Opera interessierte Programmierer geben dürfte und zum anderen, weil die Zielgruppe nun mal sehr klein ausfällt. Das merkt man auch an den angebotenen Widgets für Opera: Die Auswahl ist klein und nicht so gut integriert wie bei Firefox, auch Toolbars werden nur selten für Opera angeboten. Das Besondere an Opera Unite jedoch ist: Die meisten Dienste werden zwar online angeboten, nutzen aber den eigenen Computer als Server anstatt große Server-Farmen zu installieren. Die Opera-Server dienen daher quasi nur der Vermittlung und Webadressenerstellung der jeweiligen Angebote, die Daten selbst bleiben jedoch auf dem eigenen Computer – das fasst “Cloud Computing” mit meinen eigenen Worten anhand Opera zusammen.
Zu den derzeit angebotenen Webdiensten bei Opera Unite:
- File Sharing: Teile die Dateien auf deinem eigenen Computer auf sichere Weise ohne sie vorher hochzuladen. Wähle zunächst einmal den Ordner aus, dessen Dateien du mit anderen teilen möchtest. Anschließend erstellt Opera Unite eine direkte URL (Adresse) zu diesem Ordner. Wenn du diesen Link an einen Freund weitergibst, kannst du die Dateien mit ihm teilen, ohne einen weiteren externen Anbieter zu benötigen. Dateien-Upload bei unbekannten Anbietern* kann somit der Vergangenheit angehören. (* bei denen man nie weiß, was eigentlich mit den Dateien anschließend passiert und man in der Regel alle Rechte abtritt)
–> Sehr praktisch, da man seine Dateien somit nicht aus der Hand gibt, sondern ähnlich wie bei einem lokalen Netzwerk selbst manuell steuern kann, welche Daten man freigibt und welche nicht. - Web Server: Betreibe komplette Webseiten von deinem lokalen PC mit dem Opera Unite-Webserver. Nachdem du die Ordner ausgewählt hast, die deine Webseite (bzw. deren Dateien) beinhalten, kannst du sie mit anderen teilen und sie mit der von Opera vergebenen URL hosten. Opera Unite erkennt automatisch die Index-Dateien und erstellt die Webseite so, wie du sie gestaltet hast.
–> Das muss ich unbedingt einmal ausprobieren – z.B. zum Webseiten-Testen ist das extrem gut geeignet. Unkomplizierter Gratis-Webhoster, bzw. bist du dein eigener Webhoster, hast also volle Datenkontrolle und auch erhöhte Sicherheit – allein schon dadurch, dass kein Drittanbieter mit im Spiel ist(, an den meistens im Zweifelsfall alle Rechte abgetreten werden. - Media Player: Deine MP3s und Playlisten von überall auf der Welt anhören? Mit Opera Unite kein Problem! Nachdem du den Ordner, der die Playlist enthält, ausgewählt hast, musst du einfach nur den Opera Unite-Direktlink benutzen, um deine Lieder direkt in jedem modernen Webbrowser (nicht nur Opera!) abzuspielen.
–> Das ist enorm cool, wenn ich mal in ein Album meines Freundes rein hören will oder umgekehrt. Ich bin mal gespannt, ob das Probleme mit der Musikindustrie gibt. - Photo Sharing: Teile deine Fotos direkt von deinem Computer ohne sie vorher hochzuladen. Hast du erst einmal den Fotoordner ausgewählt, wird das Fotoverwaltungsdienst eine Bildergalerie inklusive Vorschau der Fotos erstellen. Wenn du dann auf das Foto klickst, öffnet es sich in seiner Originalgröße.
–> Gegenüber Flickr und Co. hat es den Vorteil, dass du deine Fotos nicht wirklich aus der Hand gibst und die volle Kontrolle darüber hast, ähnlich wie beim Filesharing. Ein Nachteil könnte sein, dass man vielleicht auch unerwünschte Fotos im Web freigibt, die andere dann sehen, speichern und verbreiten. Ich wittere Skandale! - The Lounge: “The Lounge” ist ein integrierter Chat, der auf deinem Computer ausgeführt wird. Deine Freunde können über den Direktlink den Chatroom betreten, für den sie sich nirgendwo anmelden müssen. Je nach Datenschutzeinstellungen und Privatsphäre, musst du deinen Freunden lediglich das generierte Passwort zu deinem Dienst mitteilen, damit sie sich damit einloggen können.
–> Das ist extrem praktisch. Chat-Sessions, bei deinen auf keinem anderen Computer Daten aufgezeichnet werden und kein weiteres Programm benötigt wird. Jetzt fehlt nur noch die Sprachfunktion und Skype wäre im Prinzip überflüssig. Wären da nicht einmal mehr die Mitglieder… (wobei man sich bei Operas Chat ja nicht registrieren muss) - Fridge: Hinterlasse eine Notiz an deines Freundes Kühlschrank. Indem du den direkten Link zu deinem Kühlschrank mitteilst, können du und deine Freunde, Familie oder Kollegen sicher und privat in Echtzeit Notizen austauschen.
–> Schon bei Operas Webbrowser habe ich noch nie die (Offline-)Notizfunktion benutzt. Auch online sehe ich den Mehrwert nicht direkt. Es ist eine Mischung aus Chat und E-Mail, wie mir scheint. Aber irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes. Mal schauen, ob und wie ich diese Funktion (sinnvoll) benutzen werde.
Fazit: Wenn tatsächlich noch ein paar weitere Module wie Voice-Chat (oder Webcam-Unterstützung) integriert werden und die Bedienung gängig ist (Freunde sollten mit möglichst wenig Mausklicks hinzugefügt werden – schon bei Facebook finde ich es hart an der Grenze, wobei es da beim ersten Mal deutlich besser ist!), könnte Opera Unite doch ein großer Hit werden. Das Potential dazu hat es jedenfalls, jetzt liegt es an uns, was wir daraus machen. Ich bin gespannt und werde euch in den kommenden Wochen sicher nochmal (oder mehrmals) von Opera Unite erzählen. In diesem Sinne: Stay juiced!
Update [16:45 Uhr]: Cool ist, dass bei My Opera derzeit 26 völlig verschiedene Designs zur Auswahl stehen – da sollte für jeden etwas passendes dabei sein! Zwei Screenshots habe ich gleich mit eingefügt.
Erste Screenshots von “My Opera” (Opera Unite-Screenshots sind hier bereits online):





















mal sehen was davon dauerhaft brauchbar ist …
das Fotosharing könnte interessant sein.
Aber was bringt es, wenn niemand meiner Bekannten es hat? Mit wem soll ich dann Fotos tauschen?
Dann musst du sie halt genauso wie bei StudiVZ und Facebook von der Sinnhaftigkeit dieses Dienstes überzeugen – Mund zu Mund-Propaganda eben.