Basic Thinking widerspricht sich selbst: Interpretation zunehmend wichtiger als Information?

Oder: Wieso Einordnung wichtiger denn je und Information ohne Interpretation wertlos ist.

Basic Thinking widerspricht sich in einem ellenlangen Artikel1 mit über 4.000 Lesern und immerhin 13 Kommentaren eindrucksvoll selbst:

Der Hunger nach Information war schon immer größer, als der nach Interpretation. Das zeigt sich auch darin, dass Nachrichtenseiten immer seltener angesteuert werden, um sich über die Hintergründe von Meldungen und ihre Einordnung zu informieren.

Hier interpretiert Basic Thinking. Eigentlich richtig, könnte man meinen. Doch gleichzeitig belegen die bislang 4.000 Leser des Artikels Basic Flashback: Wie wichtig ist das Echtzeitnetz? eindrucksvoll, dass dem nicht so ist. Zumindest nicht immer. Gerade aufgrund des Überangebots glaube ich nämlich, dass Interpretation immer wichtiger wird.

Und hier können Weblogs eine große Rolle spielen: bei ausführlichen Hintergrundanalysen und tiefgründigen Gedanken. Blogger können mit ihren Artikeln somit bei der Einordnung der Informationsflut eine entscheidende Rolle spielen. Das können Menschen nämlich nach wie vor besser als Maschinen; und das setzt nun mal das Verständnis der Situationen und Informationen voraus.

Schlagzeile und Teaser – das muss reichen, immerhin wird der Kontext von Meldungen zusehends dynamischer: (…) Tweets kommen uns sehr gelegen, weil uns die Einordnung des jeweiligen Sachverhalts entweder schon bekannt ist, sie uns nicht interessiert oder schlichtweg keine Zeit da ist, um Meldungen bis auf ihre Wurzeln zu verfolgen.

Beim Suchen kann es reichen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Wie manche vermuten, kann sich der Trend dadurch weiterhin verstärken, dass Internet mehr für die schnellen News zuständig ist und Wochenzeitschriften -zeitungen für die notwendige Einordnung sorgen. Aber gänzlich ausreichen werden diese Informationshäppchen nie – sonst wäre shortnews.de wohl heute schon erfolgreicher als zeit.de.

Ich selbst teile die Prognose, dass Online für kurze Nachrichten und Print für lange Hintergrundrecherchen geeignet seien, weniger. Denn gerade online sehe ich für Hintergrundrecherchen drei entscheidende Vorteile:

  1. Sie haben unbegrenzt Platz: Es gibt keine Zeilenvorgabe, nichts muss zwangsläufig gekürzt werden. Ein optionales „In-die-Tiefe-gehen“ ist somit ohne Weiteres möglich. Auch zahlreiche Querverlinkungen und Quellenangaben laden unmittelbar zur weiteren Informationsbeschaffung bei Wikipedia & Co. ein.
  2. Sie sind deutlich flexibler: Multimediale Gestaltungsarten mit Fotos, Slideshows, Podcasts, Umfragen und Videos sowie RSS-Feeds und soziale Netzwerke bieten völlig neue und vielseitige Einsatz- und Verbreitungsmöglichkeiten.
  3. Sie leben von der Community: Das entscheidende Stichwort lautet web2.0 bzw. Social Web. Gemeinsam mit den Internetnutzern per Kommentare, Tweets oder sonstige Formen „Content“ (Inhalt) erstellen, kurzum: User Generated Content (UGC). Das Feedback und die Korrekturen und Ergänzungen der einzelnen Nutzer werden oftmals in Social Communities bzw. Social Networks (Soziale Netzwerke) gesammelt.

Den einzigen Nachteil, den ich derzeit im Onlinebereich sehe, ist das Lesen: Ich selbst merke, wie es mir schwer fällt, lange Texte an einem 24“-Monitor im aufrechten Sitzen zu lesen. Viel lieber lese ich ganz entspannt auf der Couch mit einer kompakten Zeitschrift in der Hand. Auch empfinde ich es für meine Augen deutlich anstrengender, lange Texte am Computer zu lesen. Sie ermüden sehr schnell, was sicher auch mit der groben Bildschirmauflösung und der überwiegend serifenlosen Schrift zu tun hat. Da ist Print nach wie vor klar im Vorteil: Kein Flimmern, natürliche und kontrastreiche Farben und leicht lesbare Schriftarten in feinster Auflösung machen das „Offline-Lesen“ deutlicher angenehmer.

Das Wissen der Menschheit verdoppelt sich alle fünf Jahre, schon bald werden wir wohl im Stundenbereich rechnen müssen und deshalb ist auch diese Art der unverbindlichen Kurzangebundenheit gut zu verstehen.

Na, na, na – wollen wir doch mal die Kirche im Dorf lassen. Das Wissen der Menschheit wird sich so schnell ganz bestimmt nicht im Stundenbereich verdoppeln. Dagegen sprechen drei Punkte:

  1. Überforderung: Würde sich Wissen „schon bald“ alle paar Stunden verdoppeln, kämen wir nicht mehr mit. Die Welt würde sich zu schnell drehen und wir wären hoffnungslos überfordert, unsere Gesellschaft würde kollabieren und unser Gehirn könnte den Wissenszuwachs nicht mehr verarbeiten. Bereits heute haben immer mehr Menschen immense Probleme damit: Die Anzahl der Burnout- und Depressions-Patienten nehmen rapide zu, die Belastungsgrenze hingegen nicht. Wir sind nun mal Menschen mit Grenzen (und das ist gut so). Zudem würden wir im Chaos versinken, ginge es darum, aktuelles Wissen zu bekommen. Lehren wäre kaum mehr möglich, genauso wenig wie Forschungsarbeit. Lernen oder Studieren wäre komplett sinnlos, da man täglich von Neuem anfangen müsste.
  2. Relevantes Wissen: Mit Wissen meint man sicher nicht wertlose Informationen. Dass z.B. Oma Müller gerade auf dem Klo sitzt und das im Jahr 2020 per Tweet verkündet, zählt nämlich nicht dazu. Wenn hingegen fünf Minuten später eine Atombombe auf eben diesem Klo explodiert, ändert sich der Informationsgehalt und damit die Relevanz erheblich.
  3. Mögliche Entschleunigung: Lange Zeit vermehrte sich unser Wissen nur sehr langsam, daher stieg es in den letzten Jahren rasant an und verdoppelte sich in immer kürzeren Abständen. Doch irgendwann ist unser Wissen so gigantisch groß (ist es jetzt schon), dass es ab einem gewissen Punkt eventuell wieder schwieriger werden könnte, solch eine immense Mengen an Wissen zu verdoppeln.

Doch fairerweise muss ich anmerken, dass spektrumdirekt, eine Seite, die man bei Yahoo unter „wissen der menschheit verdoppelt“ an erster Stelle findet, gleicher Meinung wie Basic Thinking ist:

Ab 2050 wird sich bereits das Wissen der Menschheit täglich verdoppeln und man wird die Verdoppelung des Wissens in Stunden berechnen.

Im Übrigen hatte ich mit vier Jahren eine noch niedrigere Zahl im Kopf, die auch Wissensbilanz.de angibt. taz.de schrieb schon 2005 von „nur noch zwei Jahre“. Die aktuelle Rezension hingegen auf spektrumdirekt.de, Das Wissen der Menschheit (04.03.2010), über das Buch Scientifica zitiert aus dem Vorwort, dass sich das Wissen der Menschheit alle zehn Jahre verdoppele. Und in dem von Basic Thinking verlinkten Wikipedia-Eintrag zu „Informationsexplosion“ steht: „Aktuellere Schätzungen gehen davon aus, dass sich das Wissen der Welt sogar etwa alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt (…).“  Ja was denn nun?!

Was ist eure Meinung zu all den Themen? Ist euch Information oder Interpretation wichtiger? Lest ihr lieber online oder offline? Kann sich das Wissen der Menschheit im Stundentakt verdoppeln?


  1. Im Detail: Volle drei DinA4-Seiten mit 1.542 Wörtern

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Daniel ist Online-Journalist, Blogger, Webdesigner und leidenschaftlicher Fotograf. Er bloggt hauptsächlich auf JUICED.de über mediale und digitale und Themen. Nebenbei erstellt er Webseiten für sich und andere und twittert gerne.

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