ARD-Doku „Sex – Made in Germany“: Leider nur Bestandsaufnahme

Gerade erst hat der Spiegel Prostitution in Deutschland zu seinem Titelthema erhoben, da legt die ARD nach. Am heutigen Montagabend strahlt das Erste um 22:45 Uhr die NDR-Doku „Sex – Made in Germany“ aus.

Sex - Made in Germany (Bild: NDR/Torsten Laap)

In der ARD-Doku kommt unter anderem gesext.de-Gründer Herbert Krauleidis zu Wort. (Bild: NDR/Torsten Laap)

In der Vorankündigung heißt es, im Film „zeigen die Autorinnen Tina Soliman und Sonia Kennebeck erstmals, wie das Geschäft funktioniert: Wer profitiert wirklich von der Legalisierung der Prostitution in Deutschland?“ Zwei Jahre lang haben die Autoren im Milieu recherchiert, so der Sender. Gemessen daran, kratz der Beitrag leider nur an der Oberfläche. Personen, die sich mit dem Thema bereits länger beschäftigen, wird kaum etwas Neues verraten, andere jedoch werden bei vielen Punkten im Unklaren gelassen.

Die Dokumentation beginnt im Paradise Club in Stuttgart. Der Betreiber stellt mit seiner Einschätzung die Richtung klar, in welche der Film die folgenden 45 Minuten steuert: Deutschland habe eines der liberalsten Prostitutions-Gesetze der Welt. Davon würden er und andere profitieren, denn viele kämen aus dem Ausland, um in Deutschland ein Bordell zu besuchen. Der Auslands-Aspekt wird an mehreren Stellen aufgegriffen, belegt durch Zitate von Prostituieren, Freiern und Bordelbetreibern an verschiedenen Standorten und verschiedenen Grenzregionen der Bundesrepublik. Ein Inhaber eines „Flatrate-Clubs“ sagt sogar, dass er Anfragen für Kooperationen erhalten würde, bei denen es darum gehe, ganze Bus- oder Flugzeug-Touren aufzunehmen.

Nach 22 Minuten der Dokumentation zeigt die Dokumentation verdeckte Aufnahmen von ausländischen Sex-Touristen in Deutschland, die laut Off-Text aus Asien und den USA stammen. Dies ist der vermeintliche Aufreger im Film. Doch der Auszug ist nach etwa 40 Sekunden bereits vorbei. Wirkliche Einblicke in diese Art von Reisen bieten die Autoren nicht.

Stattdessen finden häufig und lange offizielle Sichtweisen Raum. Es werden die üblichen Charaktere interviewt, die man in einer solchen Dokumentation erwartet. Eine freiwillige, selbstbewusste Prostituierte, eine ehemalige Prosituierte, die im begrenzten Ausmaß kritische Töne anstimmt, einige Freier und eine Ex-Prostituierte aus dem Ausland, die darüber klagt, dass die Situation für sie in Deutschland schlimm gewesen sei, obwohl, oder gerade weil ihr Beruf hier legal sei. Ihr Auftritt und ihre Geschichte werden fast schon klischeehaft mit Aufnahmen heruntergekommener Gegenden Bukarests bebildert.

Außerdem zu Wort kommt eine Webcam-Sexarbeiterin und eine Frau, die sich bei „gesext.de“ versteigert und angibt, daran auch Spaß zu haben. Zudem werden mehrere Club-Betreiber und sogar der Pressesprecher eines Bordells(!) interviewt. Besonders letztere nutzen dies um – offenbar auch im Interesse der Autoren – den schwarzen Peter oder zumindest eine moralische Mitschuld an den Staat weiterzureichen. Der verdiene kräftig über verschiedene Steuern an der Prostitution mit. Die wiederum, so der Unterton, würden nicht wie vorgesehen die Freier belasten, sondern die Sexarbeiterinnen.

Gerade an dieser Stelle wünscht man sich mehr handfeste Zahlen. Es wird gesagt, dass die Stadt Köln 800.000 Euro an Vergnügungssteuer einnehme und angedeutet, dass dies pro Prostituierte ein Kunde sei, doch valide Daten liefert die Dokumentation nicht. Ohnehin tut sie sich in diesem Punkt schwer: Es ist von 400.000 Prostituierten in Deutschland die Rede und von 1,2 Millionen Männern, die täglich für Sex zahlen – woher diese Daten stammen, wird jedoch nicht transparent.

Der Film schließt mit dem Fazit, die Absicht, Prostituierte per Gesetz zu stärken, habe sich ins Gegenteil verkehrt. Viele würden profitieren, nicht jedoch die Frauen. Dies ist eine starke These, die eine Dokumentation verdient. Doch gerade dafür müssten die Autoren deutlicher machen, was genau sich verändert hat durch das Gesetz und wie die Situation in anderen Ländern ist. Entweder durch umfangreiche Daten und Statistiken oder durch wenige, dafür jedoch stärker beleuchtete Einzelfälle, wie beispielsweise die verdeckt gefilmten Sextouristen aus Übersee.

Hinweis: Morgen wird ein weiterer Artikel zu dieser Sendung auf Juiced.de erscheinen. Darin möchte die JUICED-Redaktion ergänzend zu diesem Artikel auf einige Schwachstellen hinweisen und sich näher mit bestimmten Facetten auseinandersetzen.

Update: Der angekündigte Artikel wurde soeben veröffentlicht: Sex – Made in Germany: Notwendige, aber einseitige Doku

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