Digital Native trifft Globalisierungsgegner

Zwei mediale Großereignisse haben in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen gesorgt. Auf der einen Seite stieg in Berlin zum siebten Mal die Netzkonferenz re:publica. Wenige Tage zuvor war in Hamburg der Deutsche Evangelische Kirchentag zu Ende gegangen. Ein qualitativer Vergleich zweier Veranstaltungen, die die Welt ein Stückchen besser machen wollen – auf ihre jeweils ganz eigene Art und Weise.

Sascha Lobo und Angela Merkel (Bild: Anna Lutz)
Der Inhalt: Die re:publica bietet für jeden etwas, der zumindest ein bisschen Netz-affin ist. Vom absoluten Nerd bis zum Standard-Facebooker, jeder ist willkommen, jeder darf sich wohlfühlen. Dazu tragen vor allem die von Anfänger bis Fortgeschrittene eingestuften Workshops und Vorträge bei. Beim Kirchentag hingegen ist nicht mal die geringste Nähe zu dem notwendig, wovon der Titel ausgehen lässt. Egal, ob kirchennah oder nicht, ob gläubig oder nicht, bei irgendeinem Seminar oder irgendeiner Debattenrunde wird sich hier wohl jeder wiederfinden. Tanz, Politik, Liturgie, das ist hier alles zu haben. Nur um Jesus geht es selten.

Das Publikum: Die re:publica ist nicht halb so nerdig wie man erwarten würde. Wer zwischen 25 und 35 Jahre alt und im Besitz mindestens eines tragbaren internetfähigen Geräts ist, kommt hier zurecht. Das Anschluss finden kann unter Umständen etwas schwer fallen. Langeweile gibt’s dank WLAN aber auch dann nicht. Es gibt keinen vorstellbaren Gast, den es auf dem Kirchentag nicht gibt. Von 10 bis 70 Jahren, von Großverdiener bis bettelarm, von Christ bis Moslem, hier ist jeder willkommen und vertreten. Wer sich aber im strikt politisch konservativen Spektrum einordnet, wird sich zumindest etwas unwohl fühlen, im rot-grün dominierten Kirchentags-Milieu. Anschluss findet sich auch hier eher schwer. Schuld ist vor allem die notwendige Logistik. Wer unter tausenden Veranstaltungen immer die erreichen will, die ihn gerade interessiert und dazu im Zickzackkurs durch Hamburg tingeln muss, hat keine Zeit, Bekanntschaften zu schließen. Erst Recht, wenn die Hallen und Räume spätestens eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn wegen Überfüllung schließen.

Das Lebensgefühl: Auf der re:publica findet sich so etwas wie das Alleinstellungsmerkmal der Generation Digital Native. Was in den 70ern die Hippies und in den 80ern die Punks waren, das ist heute die Bloggerszene. Hier drückt sich politischer Protest aus, hier kommen die zu Wort, die von einem anderen Leben träumen, selbst wenn das zum großen Teil aus ungedrosselter Surfgeschwindigkeit oder unbegrenztem Datenvolumen besteht. Hier erlebt man Netzavantgarde, Latte Macchiatto und Apfelkult. Auf dem Kirchentag finden sich zu großen Teilen jene, die vor 15 Jahren Avantgarde waren. Grün lautet die Devise, Gesellschaftskritik ist ausdrücklich erwünscht. Der Kirchentag steht für den symbolisch erhobenen Zeigefinger und den Blick auf jene, denen es nicht so gut geht wie uns im Wohlstandswesten. Internet? Die Welt hat andere Probleme und größere Sorgen als Netzpolitik würde die eine Zielgruppe der anderen wohl sagen.

Die Party: Im Netz tanzt man nicht. So zumindest wirkt es auf der groß angekündigten Abschlussparty der re:publica. Dafür sitzen alle Beteiligten noch bis spät in die Nacht unter dem Berliner Sternenhimmel zusammen. Romantik statt Exzess. Wer sich die Füße auf dem Kirchentag abläuft, hat abends wenig Muße zum Feiern. Aber wer will, der kann, in diesem Jahr sogar mit Russendisko und Wladimir Kaminer. Man darf sich aber auch hier fragen: Braucht es dafür einen Kirchentag? Die Netzfans machen es da konsequenter. Hier gibt es zwar auch einen DJ, der macht aber zumindest mit Hilfe von Robotern Musik.

Das Fazit: Wer zur re:publica geht, findet hier vieles, was es sonst nirgends zu sehen gibt. Chef-Onliner großer Medien sitzen neben Youtube-Sternchen auf Podien, alte Hasen geben dem Nachwuchs Tipps zum effektiven Bloggen, die Lobos und Niggemeiers stellen Forderungen an die Politik und ihre Fans (“Reclaim Social Media”). Wäre hingegen der Kirchentag ein Schulprojekt, das am Ende mit einer Note ausgezeichnet werden müsste, so dürfte man den Verantwortlichen wohl vor allem ein “Thema verfehlt” unter die Arbeit schreiben. Denn die Großveranstaltung mit 130.000 Menschen bietet wenig, was es nicht auch woanders gibt. Wer über Hartz IV-Sätze streiten möchte, kann das auch am Stammtisch, wer Experten dazu debattiern hören will, kann Jauch einschalten. In die Kirche hingegen gehe mindestens ich dann, wenn ich etwas über Gott hören möchte. Das gibt es beim Kirchentag dann doch verhältnismäßig selten. Überraschend war für mich, dass ich doch den ein oder anderen auf beiden Veranstaltungen getroffen habe. Das kam unerwartet, lässt mich aber doch hoffen, dass die Generation “Digital Native” nicht ganz so kirchenentfernt ist, wie allgemein angenommen, und andersherum: Die Kirchentagsgänger nicht ganz so netzentfremdet, wie das Klischee (Wollsocken und Jute-Tasche) behauptet.

Dieser Artikel ist zuerst auf auf dem Blog Am Tellerrand erschienen.

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