The Strokes – Comedown Machine: Im Alter liegt die Wahrheit

Anfang des Jahrtausends waren sie der Paukenschlag in der Musikszene schlechthin. Fünf rotzfreche Jungs aus New York eroberten die USA und Europa mit dreckigem Garagenrock, wie ihn die Ramones nicht besser hätten machen können: The Stokes sorgten für Hysterie rund um jedes Konzert. Das erfolgreiche Debüt-Album „Is this it?“ ist nun schon 12 Jahre alt. Mit „Comedown Machine“ veröffentlichen die Amerikaner am Freitag die fünfte Platte. Ein Stück Musik, das definitiv sehr erwachsen, aber gerade im Detail unglaublich gut ist.

The Strokes - Comedown Machine (Bild: Amazon.de)So richtig glücklich sind die vielen Musikkritiker seit dem ersten Album nicht mehr geworden. Man, was gab es denn alles für Gründe, um die Strokes nicht mehr ganz soo toll zu finden. Zu kommerziell, zu neu, zu erwachsen, zu elektronisch. Welcher Kritiker auch immer etwas kritisieren will: Finden wird er immer etwas. Egal ob bei den Strokes oder bei Adele, die ja sowieso jeder mag.

Also vielleicht ein wenig mehr Hintergrund. Album Eins (2001): „Is this it?“ – totale Euphorie. Album Zwei (2003): „Room on Fire“ – zu kommerziell. Album Drei (2006): „First Impressions of Earth“ – Ja ok… Also war die Euphorie erst mal dahin. Die Reaktion: FÜNF Jahre Abstinenz. Es war ohnehin hier und da zu hören, dass es innerhalb der Band nicht immer stimmen sollte, schließlich ist Frontmann Julian Casablancas all das was eine Rampensau ausmacht. Und bei allen drei Alben war er derjenige, der die gesamten Songs schrieb. Also brauchten die Jungs Abstand – den bekamen sie.

2011 gab es dann mit „Angles“ eine Art Comeback; zehn Jahre nach „Is this it?“. Ich war erst kurz vorher so richtig warm geworden mit den Strokes und unglaublich begeistert von der neuen Scheibe. Tolle Songs, vor allem das Zusammenspiel von Altbewährten und Neuem fand ich extrem gelungen. Die Kritik fiel sehr zweiseitig aus, Viele teilten meine Sicht, Andere kamen mit der alten Leier: Es ist nichts mehr wie es anfangs war. Meine Güte! Casablancas und Co waren nicht mehr 23 sondern 33 Jahre alt. Außer AC/DC entwickelt sich doch jede Band innerhalb von zehn Jahren extrem weiter.

Dieses Mal gab es kein langes Warten. Nur zwei Jahre brauchten die New Yorker, um „Comedown Machine“ nun zu veröffentlichen. Zugegeben, so richtig einordnen konnte ich die beiden Vorab-Singles nicht richtig. „One Way Trigger“ kam mit Kopfstimme und Gameboy-Sounds daher, überzeugte aber durch ein unglaublich stimmiges Konzept und einen guten Refrain. Die zweite Single „All the Time“ war dagegen etwas Altbekanntes. Einfacher Beat, eine anschiebende Rhythmus-Gitarre und die verzerrte Stimme von Casablancas. Strokes pur.

Als ich dann letzte Woche endlich den gesamten Langspieler in der Hand hielt, war ich also sehr gespannt, in welche Richtung es geht. Um es auf einen Nenner zu bringen: Die Mischung macht‘s. Elf Songs gibt es auf „Comedown Machine“ zu hören, von dreckig, provokativ bis berührend und einfach schön ist alles dabei. Unter dem Strich werden der Reformer und der Konservative glücklich. Und ich finde: Das Album beschreibt die lange Reise der vergangenen Jahren und ist unglaublich gelungen.

Schon das erste Lied „Tap Out“ bringt die besonderen Qualitäten des Albums zum Vorschein. Von vorne bis hinten ist wirklich alles durchdacht. Das Zusammenspiel zwischen Schlagzeug, Bass, Gitarren und Gesang waren wahrscheinlich noch nie so gut aufeinander abgestimmt. Da läuft jedes Rädchen in das andere – ja, die Strokes grooven wie sonst nur die Kings of Leon. Der Groove wird zum Beispiel bei „Welcome to Japan“ ergänzt von der unglaublichen Coolness, die Sänger Casablancas mit seiner Stimme ausstrahlt. Manchmal erwische ich mich doch tatsächlich dabei, mir auch so eine abgezockte Ausstrahlung zu wünschen.

Aber es gibt noch viel mehr Seiten zu bestaunen. „80’s Comedown Machine“ ist ein Song, der vor zehn Jahren noch nicht für Möglich gehalten wurde. Elektronische Drums und Keyboards geben den ganz sanften Ton an. Ein Song, der so wahrscheinlich auch auf der Platte „Humbug“ von den Arctic Monkeys hätte stattfinden können. „5050“ ist eine klassisch rotzige Rock-Nummer, die sehr an die Ramones erinnert, „Happy Ending“ schlägt in eine sanftere, aber ähnliche Kerbe.

Dabei haben es die Strokes geschafft, sehr berührende Nummern zu schreiben. „Slow Animals“ und „Chances“ schlagen einen sehr nachdenklichen Ton an, beim Hören fühlt man sich gleichzeitig sehr in den Arm genommen von der Band. Es sind die Gegensätze und Unterschiede, die dieses Album als Gesamtwerk so unglaublich wertvoll machen. Generell die kleinen Details. Da noch ein paar Töne auf der Gitarre zusätzlich gespielt, da ein Klappern, da ein langgezogener Ton auf dem Keyboard. „Comedown Machine“ ist alles andere als eindimensional.

Schwer zu übersehen: Ich bin begeistert. 12 Jahre gibt es die Band nun schon, in denen sie extrem gereift ist. Das ist gut so und ich hoffe, dass es in Zukunft so weitergeht. Bei diesem Album ist wirklich für jeden etwas dabei. Hört es euch an, denn diese Platte hat es verdient. Seid ihr genauso begeistert wie ich? Oder findet ihr große Kritikpunkte? Auf der Homepage gibt es das Album aktuell zum kostenlosen Vorab-Stream. Viel Spaß!

JUICED Musikbewertung: ★★★★★★★★★☆ 

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