FTD.de: Qualität im (Online-)Journalismus

xxx

mein Name ist xxx und ich bin zuständig für das Online-Marketing
eines größeren Onlineportals. Vielleicht kennen Sie uns ja aus der TV-Werbung.
Wir wären an einem Link von Ihrer Seite http://juiced.de interessiert. Dieser kann in bestehende Inhalte eingebunden werden oder wir schreiben einen qualitativen Gastartikel.

Als Gegenleistung können wir Sie in einem Artikel über Internet-Startups
auf den Seiten der Financial Times (ftd.de) verlinken. Die passenden Inhalte würden von unserer Redaktion erstellt werden. Ich denke, dass beide Seiten davon profitieren könnten, da es sich
dabei um eine gut besuchte Seite handelt, von der sich mehr Traffic für
Ihre Seite ableiten könnte.

Über eine Antwort Ihrerseits würde ich mich sehr freuen, weil Sie gut
in unser Partnerportfolio passen würden. Ich habe z.B. schon auf living.neckermann.de/trends/neuheiten-bei-kleinmoebel/
einen Gastbeitrag veröffentlicht – die Resonanz bei unseren Partnern war durchaus positiv.

Bei Interesse lassen Sie mir bitte eine kurze Rückmeldung zukommen,
im nächsten Schritt würde ich Ihnen – selbstverständlich unverbindlich –
ein konkretes Angebot unterbreiten.

Mit freundlichen Grüßen,

xxx

Nachtrag (20.27 Uhr): Auf Wunsch von Debora (via Twitter) führe ich meine Gedanken zu der oben zitierte E-Mail näher aus. Vielen Dank für das Interesse und bitte seht mir nach, dass ich folgende Gedanken nicht gleich dazugepackt habe:

Nahezu wöchentlich bekomme ich E-Mailanfragen zu einer möglichen “Partnerschaft” mit JUICED, meist bestehend aus sponsored posts, Linkkauf oder -tausch. Einige Angebote davon sind auch legal, andere bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone und wieder andere überschreiten hemmungslos jegliche Grenzen (die es auch im Internet gibt!). Pressemitteilungen sind da noch harmlos dagegen.

Anfangs habe ich diese Anfragen mit einem kurzen “Nein, danke” beantwortet, doch mit der Zeit wurde mir das zu lästig. (Ich habe von Webseitenbetreibern gehört, bei denen mehrmals täglich solche Angebote eintrudeln…) Daher beantworte ich die E-Mails mittlerweile gar nicht mehr. Ignorieren ist wohl das Beste, was man dagegen tun kann.

Doch bei meiner jüngsten Anfrage, die ich oben zitiert habe, ist mir fast der Kragen geplatzt: “Als Gegenleistung können wir Sie in einem Artikel über Internet-Startups auf den Seiten der Financial Times (ftd.de) verlinken.” Schleichwerbung par excellence. Man muss dazu sagen, dass die Anfrage nicht von FTD.de direkt kam, sondern von einem “Online-Marketing Onlineportal”. Die Financial Times Deutschland weiß daher vermutlich nichts davon (unterstelle ich ihnen jetzt einfach mal). Aber wenn dieses Onlineportal die Wahrheit sagt, wäre es dennoch auch für die FTD brisant und erschreckend zugleich: So einfach wäre es also, sich einen Link auf einer seriösen und etablierten Nachrichtenseite zu erschleichen. Damit würden – zumindest nach meinem Verständnis – jegliche Kontrollinstanzen ausgehebelt und ethische Vorschriften gebrochen werden.

Nichtsdestotrotz wollte ich diese Anfrage zunächst einmal wie die anderen auch einfach ignorieren. Als dann aber einen Tag später die gleiche Anfrage nochmal kam, konnte ich das nicht länger ignorieren. Hätte ich mehr Zeit gehabt (derzeit ist aufgrund meiner Diplomarbeitsphase ein ganz ungünstiger Zeitpunkt), hätte ich mich vermutlich zunächst einmal zum Schein darauf eingelassen oder zumindest Interesse bekundet, um zu sehen, was dahinter steckt. Investigative Recherche also. Vielleicht hätte ich das Spiel sogar konsequent durchgezogen, um zu sehen, ob sie es wirklich geschafft hätten, einen JUICED.de-Link auf FTD.de zu platzieren. Aber dann hätte ich das vorher mit jemanden absprechen müssen (um Interessenskonflikten vorzubeugen und im Vorfeld transparent zu bleiben), wofür ich derzeit leider keine Zeit habe.

Daher habe ich mich kurzerhand dafür entschieden, zumindest diese E-Mail zu veröffentlichen – um auf die Gefahr hinzuweisen. Den Namen der Person oder des Onlineportals habe ich entfernt, da es aus meiner Sicht derzeit nicht von Bedeutung ist. Aber die Vorgehensweise und Einflussnamen solcher Marketingportale finde ich erschreckend. Und jeder Vorstoß, unmittelbaren Einfluss auf den unabhängigen Journalismus nehmen zu wollen (oder können), sollte man meiner Auffassung nach versuchen zu unterbinden. Der erste Schritt dazu ist es, diese Praktiken öffentlich aufzudecken, anzuprangern und sich davon zu distanzieren. Das möchte ich hiermit tun.

Ich würde mich freuen, in Zukunft keine unseriösen Anfragen mehr bezüglich Werbung, Partnerschaft oder Sponsoring zu erhalten. Seriöse Anfragen hingegen sind bei uns auf JUICED.de nach wie vor herzlich Willkommen!

Comments

  1. says

    Ziemlich krasse Sache. Ist sicher, dass es von der FTD kommt oder nutzt da nur jemand den Namen? Fänds gut wenn du (wie Debora auch anregt) mehr Infos bereit stellst :-P

  2. says

    Gesagt, getan: Jetzt gibt’s auch ausführliche Infos zu der Email oben – inkl. Hintergrund :) Danke noch einmal für euer Interesse – ich hatte darauf gehofft :)

    (Um aber deine Frage an dieser Stelle direkt zu beantworten: NEIN, die Email kam NICHT von der FTD direkt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die FTD nichts davon weiß und sich sofort davon distanzieren würde.)

  3. Horst Schulte says

    Ich habe die gleiche Anfrage Mitte der Woche auch erhalten. Bisher habe ich in solchen Fällen immer höflich abgesagt.

    In diesem Fall bzw. ab jetzt folge ich eurem Rat und gebe die Mail gleich meinem Spam-Ordner zum Fraß.

  4. says

    @ Andreas: Danke für den Link… ich bin also wahrlich nicht der einzige. (Interessanter Weise kam die Email bei mir von einem anderen Namen, Jan G.)

    @ Horst Schulte: Definitiv – gleich löschen! Das Antworten kostet ja jedes Mal ca. 10 Sekunden. Und die können wir uns getrost sparen.

  5. says

    @Daniel: Wobei Kollege Jan den Spieß ja gerne umdreht und sich sagt: Das kostet die dann auch jedes Mal ein paar Minuten und schaut, wer es länger durchhält…

  6. says

    Ich habe diese Mail auch eben gerade erhalten und bin durch Euch jetzt schlauer geworden, vielen Dank! Ich hatte mich schon gefragt, wie die auf meinen Suchtblog gekommen sind. :-)

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