Filmkritik: Stylishes Independent-Kino

Drive: Wortkarg, aber sau gut


Es ist nicht mal ein Jahr her, da kannte kaum jemand Ryan Gosling geschweige denn Nicolas Winding Refn. Der eine war mal für einen Oscar nominiert für einen Film, den niemand gesehen hat (Lars und die Frauen). Der andere hat das gar fürchterliche Wikingerdrama Walhalla Rising zu verantworten. Heute sind der blonde Schönling und das dänische Regietalent die Shootingstars Hollywoods. Schuld ist ihr Independent-Meisterwerk Drive, das jetzt endlich auch bei uns läuft.

Die Hauptperson des Films (Ryan Gosling) ist einer vom Typ „Einsamer Wolf“. Er hat keinen Namen und keine Vergangenheit, keine Familie und ganz offensichtlich nicht sonderlich viel Lust auf Smalltalk. Tagsüber arbeitet er als Stuntfahrer, nachts als Fluchtwagenfahrer. Zwischendurch repariert er Autos in der Garage seines wohl einzigen Freundes Shannon (Bryan Cranston) oder kaut lässig auf einem Zahnstocher herum.

Er ist die Ruhe selbst: Herr Driver (Bild: Universum Film)

Eines Tages lernt er die alleinerziehende Mutter Irene (Carrey Mulligan) kennen. Die beiden finden sich auf Anhieb sympathisch und bändeln ein bisschen an bis Irenes Ehemann Standard aus dem Gefängnis entlassen wird. Der ist eigentlich ein ganz netter und ausnahmsweise auch redseliger Typ, leider schuldet er der albanischen Mafia noch eine ganze Menge Geld. Und die bringt wenig Verständnis für Standards Lage auf. Also überredet Standard den Driver zu einem allerletzten Beutezug. Es geht schief, was schief gehen kann. Standard wird von einer Ladung Schrot durchlöchert und plötzlich sind die Gangster hinter dem Driver her. Höchste Zeit also für einen blutigen Rachefeldzug. Vorsichtshalber. Man weiß ja nie.

Völlig anders als erwartet

In den USA soll eine Frau die Macher von Drive verklagt haben, weil sie nach dem Trailer einen völlig anderen Film erwartet hatte. Irgendwas im Stile von The Fast and the Furious und Transporter mit Verfolgungsjagden, Action und coolen One-Linern. Stattdessen bekommt sie so einen Arthouse-Independent-Dreck mit nur zwei mickrigen Actionszenen und einem Hauptdarsteller, der die Zähne kaum auseinanderkriegt. Sauerei.

Aber so blöd die Frau auch sein mag, in einer Sache hat sie Recht: Drive ist wirklich anders. Er ist weder ein 08/15-Actionfilm von der Stange noch orientiert er sich in irgendeiner Weise am Stil von Quentin Tarantino wie es das Genre eine Weile lang gerne getan hat. Wenn der Driver im Lift einen der Gangster zu Brei schlägt, gibt es kein Augenzwinkern, keine lustigen One-Liner und keinen trotteligen Sidekick. Alles ist düster und aussichtslos, stilistisch dafür aber überragend. Jeder einzelnen Szene merkt man den akribischen Fleiß an, der in ihr steckt. Vom knarrenden Geräusch der Lederhandschuhe, wenn der Driver die Fäuste ballt, über das Skorpionmotiv auf seiner Jacke bis hin zur minimalistischen Mimik in seinem Gesicht: Da ist kein Detail undurchdacht, kein Schattenwurf zufällig und kein Ton an der falschen Stelle. Apropos Ton: Der Soundtrack ist klasse – und eigentlich mochte ich bisher keinen 80er Jahre Elektropop.

Er ist auch dabei: Bryan Cranston als des Drivers bester Freund Shannon (Bild: Universum Film)

Bevor ich mein Fazit loswerde, müssen wir nochmal kurz über das Thema “explizite Gewalt” sprechen: Ich habe lange darüber nachgedacht, ob der Gewaltexzess in der zweiten Hälfte wirklich nötig für die Geschichte ist. Ich glaube aber mittlerweile, er ist es. Regisseur Nicolas Winding Refn wollte den Driver als wortkargen Einzelgänger zeichnen und nur durch die Gewaltausbrüche bleibt er diese tragische Figur. Alles andere wäre ansonsten in einem typischen Happy-End gemündet und das hätte nicht zum Tenor des Films gepasst.

Fazit: Was habe ich mich auf diesen Film gefreut und ich bin definitiv nicht enttäuscht worden. Manchmal fehlt der recht übersichtlichen Geschichte vielleicht die inszenatorische Wucht, aber das gleichen die durchgestylten Bilder und eine tolle Darstellerriege locker wieder aus. Ich schaue ihn mir auf jeden Fall noch ein zweites Mal an.

JUICEDblog Filmbewertung: ★★★★★★★★★☆ 

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Bilder: Universum Film

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